James Alison. Theology

Brokeheart Mountain: Eine Betrachtung des Monotheismus, der Idolatrie und des Himmelsreichs

Vortrag anlässlich der jährlich stattfindenden COV&R-Konferenz in der St-Mary-Universität, Twickenham, London, 8. bis 12. Juli 2009. Dieser Vortrag wurde als Teil eines Gesprächstages mit angesehenen islamischen Gelehrten über die „Fearful Symmetries“, also die beängstigenden, sowie die von der Angst getragenen Symmetrien, zwischen dem Christentum und dem Islam gehalten.

Im August 2006 durfte ich als Teilnehmer an einer kleinen religionsübergreifenden Wallfahrt das Heilige Land besuchen. Geplant war, dass eine Gruppe schwuler und lesbischer Juden, Christen und Muslime, die als Meinungsbildner bekannt sind, in einer erkennbar orthodoxen Version unserer jeweiligen Theologien gut ausgebildet sind und diese vertreten, und die es wagen, auch einmal offen Risiken einzugehen, gemeinsam für unsere jeweiligen Traditionen bedeutende Orte besucht. Wir wollten gemeinsam vor Ort unsere heiligen Schriften lesen und versuchen den anderen dabei zu helfen zu erkennen, was es bedeutet seriöser Jude, Muslim bzw. Christ und gleichzeitig homosexuell zu sein, und wie wir uns und andere in der gleichen Situation unterstützen könnten. Leider muss ich berichten, dass es letztendlich nicht möglich war, einen schwulen muslimischen Religionsführer zu finden, der hier Offenheit hätte riskieren können, und so wurde unsere Wallfahrt zum Austausch zwischen Juden und Christen. Trotzdem war es für mich eine wunderbar bereichernde Erfahrung. Das Ende unserer Wallfahrt fiel planmäßig auf das World Gay Pride, das in diesem Jahr als eher kleine Veranstaltung in Jerusalem stattfand, wo wir uns mit einigen unserer liberaleren Religionsfreunden trafen, und zwar nun doch von allen drei Glaubensrichtungen. Im Vorfeld des World Pride in Jerusalem entdeckten wir dann auch die wahre Einigkeit unserer Religionen. Denn der Oberrabbiner, der Großmufti, die Hauptvertreter der Orthodoxen, Protestanten und (aufgrund ihrer langsamen bürokratischen Kommunikationswege) zu guter Letzt die katholischen religiösen Autoritäten, sie alle vereinten sich mit einem unterschiedlichem Maß an Wut und Überzeugung, die Präsenz der die heilige Stadt entweihenden Sodomiten zu verurteilen und abzulehnen, und die weltlichen Autoritäten anzuflehen, uns fernzuhalten.

Die israelische Presse wies darauf hin, dass dies das erste Mal seit Menschengedenken war, dass die notorisch parteilichen und zerstrittenen religiösen Autoritäten Jerusalems es schafften, sich einig zu sein. Und dies bringt mich zum Punkt zu erklären, warum ich es so angebracht finde, dass unser heutiges Gespräch unter der Überschrift Fearful Symmetries, also beängstigende, sowie von der Angst getragene Symmetrien stattfindet. Die Art und Weise, wie es unseren unterschiedlichen religiösen Anführern gelingt, in diesem einen Punkt einer Meinung zu sein, und zwar in einem Punkt, der in unseren jeweiligen heiligen Schriften entweder am Rande oder gar nicht erwähnt wird, bedeutet meiner Meinung nach, dass jeglicher, von unseren Gruppen vorgetragener Anspruch wie friedfertig sie seien, dass sie nur das Gute für die Menschheit wollen, und wie sehr sie sich der Liebe Gottes und des Nächsten verpflichtet hätten, mit allergrößter Vorsicht zu genießen ist.

Ehrlich gesagt ist die Einigkeit religiöser Anführer weit öfter ein Albtraum als ein Traum: In der Tat eine beängstigende und von der Angst getragene Symmetrie.

Und selbstverständlich verdankten wir es der Tatsache, dass wir uns in einem weltlichen Rechtsstaat befanden, dass wir vor dem Ausbruch religiöser Einigkeit sicher waren. Homosexuelle Christen, die in überwiegend christlichen Ländern leben, in denen der Rechtsstaat nur schwach ausgebildet ist, wie z. B. in Jamaika und Uganda sind keineswegs von Banden umherstreifender Selbstgerechter sicher, genauso wenig wie homosexuelle Muslime in Ländern wie dem Irak oder dem Iran. Hier ist eindeutig ein klarer Bereich, in dem der Zusammenhang zwischen Religion und Mord nicht nur akademischer Natur ist.

Im September 2006, einem Monat nach diesen Ereignissen, hielt Papst Benedikt in Regensburg einen inzwischen berühmten Vortrag. Sein Fauxpas [1] und die darauf folgenden leidenschaftlichen Reaktionen verdeckten zeitweilig den vernünftigen Kern seiner Aussage. Trotzdem sorgte der Wirbel dafür, dass das Thema der Beziehung zwischen Glaube und Vernunft auf die Tagesordnung der Gespräche zwischen Muslimen und Christen gesetzt wurde. Verschiedene muslimische Gelehrte antworteten auf die Bemerkungen des Papstes und wiesen auf die Bedeutung hin, die die Vernunft für sie hat. Der Heilige Vater wandte sich seitdem diesem Thema noch öfters zu, zuletzt Anfang des Jahres anlässlich seiner Reise ins Heilige Land.

Seit 2006 horchen Leute wie ich danach aus, ob unsere religiösen Autoritäten irgendetwas verlauten, das darauf hinweist, dass das was sie unter dem Begriff Vernunft verstehen, und deren Zusammenspiel mit dem Glauben, auch nur den geringsten Einfluss auf ihre eigene Haltung, bzw. die Haltung ihrer Anhänger bezüglich der Sodomiten unter ihnen hat, die immerhin erst vor Kurzem eine so einehmende Gelegenheit zu leidenschaftlicher Einigkeit ermöglicht hatten. Anders gesagt: Alle unsere Autoritäten scheinen darin übereinzustimmen, dass der Glaube vernünftig ist, dass die Vernunft den Glauben erhellt, und dass der Glaube die Vernunft reinigt. So bald aber jemand nahelegt, dass dies doch dazu führen sollte, tatsächlich etwas zu lernen, und sich fragt, warum das in dem kleinen, unwichtigen und zweifellos „ekligen” Bereich der Homosexualität nicht zu geschehen scheint, werden die religiösen Anführer aufmal entweder seltsam still, oder beeilen sich zu behaupten, dass diese spezielle Art des gewaltsamen Hasses mit ihren stereotypischen Anschuldigungen weder gewalttätig noch Hass sei, sondern die direkte Frucht göttlicher Lehre, und daher als Lernstoff untauglich.

Lassen Sie uns das einmal anders ausdrücken: Entweder ist die von uns zu führende Unterhaltung über Glaube und Vernunft nicht mehr als sich selbst als unschuldig darstellende Heuchelei, die nie zu öffnenden ideologischen Vorhänge eines hübschen religiösen Sommerhäuschens; oder sie bedeutet tatsächlich etwas, und sollte sich dann in einer Art manifestieren, die man eine vom Glauben inspirierte Anthropologie des Lernens bezeichnen könnte. Diese vom Glauben inspirierte Anthropologie des Lernens muss so dargelegt werden können, dass sie geschichtlich nachweisbar ist.

Und so möchte ich in chancengleicher Gehässigkeit einmal darauf bestehen, den Ton unserer Diskussion über Monotheismus, Idolatrie und das Himmelsreich etwas herabzusetzen, und zwar auf die Ebene der Auseinandersetzung mit dem kleinen, letztendlich eher unbedeutenden, anscheinend „ekligen” aber doch hartnäckigen Teilchen des menschlichen Puzzles, das man zurzeit „Schwulsein“ nennt.

In der Hoffnung, die Leidenschaft, die das Thema im allgemeinen erzeugt, zu dämpfen, schlage ich einen hypothetischen Testfall vor, und zwar einen Fall, der mit der Frage „was wäre wenn“ beginnt. Ich möchte hier nicht Ihre Zeit und Aufmerksamkeit auf die Diskussion verschwenden, ob es wahr ist, dass schwul oder lesbisch zu sein ein Defekt in einer ihrer Natur nach heterosexuellen Menschheit ist, oder ob es nicht eher wahr ist, dass schwul bzw. lesbisch zu sein einfach eine normale, nicht-pathologische, in einer Minderheit der Menschheit vorkommende Variante ist. Diese Diskussion ist woanders zu führen.

Woran mir stattdessen liegt ist es, eine hypothetische Frage zu stellen: „Stellen wir uns bitte einmal vor, rein hypothetisch, dass es wahr sei, dass schwul bzw. lesbisch zu sein einfach eine normale, nicht-pathologische, in einer Minderheit der Menschheit vorkommende Variante ist. Welchen Einfluss hätte dies auf die Diskussionen über die Beziehung zwischen Glaube und Vernunft in unseren jeweiligen religiösen Gruppierungen? Anders ausgedrückt, schlage ich einen Testfall vor: wie sähe es aus, wenn unsere Gruppe sich mit ihren eigenen Kriterien in diesem Bereich auf einen Lernprozess einließe?

Die Aussage „mit ihren eigenen Kriterien” ist mir dabei wichtig. Ich habe absolut kein Interesse an einer allgemeinen Theorie der Säkularisation, die die speziellen Methoden der jeweiligen religiösen Gruppen verschmäht. Worum es mir geht, sind Darstellungen darüber wie bestimmte religiöse Gruppen im Laufe der Zeit Wahrheiten über das Menschsein auf dieser Erde entdecken, und zwar derart, dass die Entdeckung dieser Wahrheiten nachvollziehbar aus der Umsetzung ihrer eigenen internen Mittel erfolgte, und dass diese Wahrheiten dann ein stabiler und kreativer Teil dessen sind, wie die jeweilige religiöse Gruppe unsere Welt versteht.

Ich möchte dabei festhalten, dass ich es mich nicht trauen würde, dieses Thema hier zur Sprache zu bringen, wenn ich damit als Christ auftriumphieren und sagen könnte: „Schaut, wir können selbstkritisch sein und dazulernen, während den Muslimen die Fähigkeit zur Selbstkritik abgeht.“ Nein, es ist grade weil meine eigene religiöse Gruppe, die katholische Kirche, die ich liebe und deren zentralen Glaubenssätze ich leidenschaftlich vertrete, in diesem Bereich bislang nicht in der Lage war, ihre eigenen Lehren auf sich selbst anzuwenden, dass ich mich berechtigt fühle, dieses Thema aufzugreifen. Kann die chancengleiche Gehässigkeit zum Nährboden des selbstkritischen Lernens werden?

Und so möchte ich jetzt ein hypothetisches Argument skizzieren, wie der katholische Glaube sich angesichts Girards mimetischer Theorie, die ja der Grund dieser Veranstaltung ist, mit der hier vorgestellten, vom Glauben inspirierten Anthropologie des Lernens anfreunden könnte. An einigen Punkten stelle ich dann die offene Frage, zu der ich im Übrigen keine spontane Antwort erwarte: Können Sie sich rein hypothetisch vorstellen, wie Muslime sich einen analogen Prozess denken könnten? Sieht der Prozess des Lernens völlig anders aus? Und wenn er anders aussieht, was verstehen Sie dann in der Praxis unter der Beziehung zwischen Glaube und Vernunft? Wie sieht Ihre vom Glauben inspirierte Anthropologie des Lernens aus?

Und nun zu meiner Skizzierung eines hypothetischen Arguments, um aufzuzeigen, wie Katholiken, aus Gründen die den Quellen unsers Glaubens inhärent sind und aus diesen fließen, hypothetischerweise in diesem Bereich etwas Neues über das Menschsein lernen könnten. Mein Argument ist zweiteilig: Was erteilt uns die Erlaubnis zu glauben, dass wir hier etwas zu lernen hätten? Und welche Form könnte dieser Lernprozess annehmen? Grob gesagt entsprechen diese beiden Teile zum einen einem Verständnis des Monotheismus und der Schöpfung und zum anderen dem angestrebten Himmelsreich. Mit anderen Worten, sie stellen den Versuch dar, sich genauer anzusehen „woher wir kommen“ und „wohin wir gehen“.

Lassen Sie mich also mit Monotheismus, Schöpfung und Idolatrie beginnen. Ich gehe davon aus, dass wir, wenn wir von Gott sprechen, nicht einen großen und mächtigen Vertreter der Kategorie „Götter“ meinen, der zufällig der Einzige ist. Als Folge des großen hebräischen Durchbruchs zum Monotheismus in der nachexilischen Periode sprechen wir von Gott, der nicht einer der Götter ist. Von Gott, von dem es eher der Wahrheit entspricht, dass er wie überhaupt nichts ist, als wie irgendetwas, das ist, da Gott nicht etwa, wie alles das, was ist, ein Mitglied des gleichen Universums ist, und da er nicht zu irgendetwas das ist in Rivalität steht. Gott ist kein Objekt innerhalb unseres Verständnishorizonts, sondern wir sind Objekte innerhalb Gottes Horizonts. Gott kommt uns unendlich zuvor, der Protagonismus Gottes ist viel mächtiger als irgendeine Aktion oder Reaktion, die wir uns vorstellen können. Mein hochverehrter, verstorbener Novizenmeister Herbert McCabe sagte immer: Gott und das Universum ergeben nicht zwei.

Damit stellt sich die Frage nach der Beziehung zwischen allem, was ist, und Gott, der diesem unendlich zuvorkommt. Ist diese Beziehung in etwa wie ein Symptom, so dass wir aus den Dingen die da sind, einschließlich uns selbst, etwas von dem Einen erahnen können, der sie ins Sein gerufen hat und sie erhält? Und wenn das der Fall ist, stehen uns dann irgendwelche Kriterien zur Verfügung zu erkennen, was Gottes schöpferischen Willen und Kraft widerspiegelt, und was von ihr abweicht? Für mich ist das die zentrale Frage in jeder Diskussion über Monotheismus und Idolatrie: Welches Kriterium wenden wir an, um den Unterschied zwischen Idolatrie und Anbetung zu erkennen? Die Antwort, die der katholische Glaube mir hierauf gibt ist folgende: Es ist möglich, nicht götzendienerisch zu sein, weil Gott uns Gottes eigenes Kriterium dafür gegeben hat, wie es aussieht, nicht götzendienerisch zu sein. Und da Gott keine Einzelteile oder Unterteilungen hat, und in jeder Bewegung zu uns hin Eins ist, ist dieses Kriterium selbst auch Gott. Das Kriterium nahm die Form einer voll ausgelebten menschlichen Lebensgeschichte an, die Geschichte des Jesu, dessen Bedeutung die Umkehr aller menschlichen Kriterien war, die gewöhnlich in derartigen Geschichten zum tragen kommen. Gott gab uns Gottes eigenes Kriterium für Gottes eigene Macht, nicht die Macht von Kaisern, Rechtsgebern oder Priestern, sondern die Fähigkeit, den Platz des Verlierens einzunehmen, des Verfluchtseins, der Schande und des Todes, ohne von ihnen bestimmt zu sein, und zwar derart, dass der Raum und die gesamte antropologische Struktur der menschlichen Existenz, die von diesem Kriterium abhängt, relativiert werden kann. Idolatrie ist dann die Beteiligung an der menschlichen kulturellen Realität des Todes, von der Gott uns unbedingt freizusetzen sucht.

Des Weiteren zeigt die katholische Lehre mir, dass Gott uns nicht nur Gottes Kriterium für die Idolatrie gab, welches Gott ist. Als das Licht, das aus Gottes eigenem Kriterium für Ideologie fließt, gab Gott uns auch Gottes eigene Interpretation für Gottes Kriterium für Gott selbst: das, was wir den Heiligen Geist nennen. Gottes Interpretation von Gottes Kriterium für Gott ist wiederum Gott, da Gott keine Einzelteile oder Unterteilungen hat, und da er in jeder Bewegung zu uns hin Eins ist. Auf diese Art, und nur auf diese Art, können wir den Prozess des nicht-götzendienerischen Lernens beginnen: indem wir uns bewusst sind, dass wir ein Kriterium haben, mit dessen Hilfe wir lernen können, dass uns die Möglichkeit gegeben ist, dieses Kriterium zu interpretieren, aber dass weder das Kriterium noch die Interpretation von uns kommen. Anders ausgedrückt, es ist nicht nur der Schöpfer, der völlig andersartig ist. Das lebende Kriterium, mit dessen Hilfe wir den Schöpfer erkennen können, und die lebende Interpretation, durch die wir den Schöpfer anbeten können, sind auch beide völlig andersartig und nicht von uns abhängig; wir stellen jedoch fest, dass wir zu deren Symptomen werden können, so wie wir auch die Symptome des Schöpfers sind, denn sie sind die gleichen Protagonisten, wie der Schöpfer.

Nun möchte ich festhalten, dass dieses Kriterium ein äußerst radikales Kriterium ist. Es legt nahe, dass wir in der uns bekannten Welt alle eindeutig götzendienerisch sind, und dass unsere Idolatrie prinzipiell mit der Art zusammenhängt, mit der der Tod und die Furcht vor ihm unsere Vorstellungskraft, unseren Verstand, unsere Urteilskraft und unsere Leidenschaften trüben. Das bedeutet auf jeden Fall, dass es keine einfache Art gibt, von den Machtverhältnissen und Triumphen auf Erden auf das Machtverhalten und die Herrlichkeit Gottes zu schließen. Eher ist es umgekehrt. Es legt nahe, dass unser Zugang zur Macht und Herrlichkeit Gottes ein radikales Neuerlernen von allem, was ist, bedeutet, sodass wir entdecken können, was wirklich ist, wenn wir nicht länger Gefangene unserer versagenden Vorstellungskraft und unserer Gewalttätigkeit sind, die dann die Wahrheit gefangen halten.

Sehen wir uns nun unseren hypothetischen Testfall an: Schon lange wird angenommen, dass schwule und lesbische Menschen einfach eine Art Fehler einer vom Wesen her heterosexuellen Menschheit darstellen. Diese Annahme führte zu verschiedenen Formen des Umgangs mit der steten, allerdings von den Kulturen abhängigen unterschiedlichen Präsenz von homosexuellen Menschen in den verschiedenen Ländern. In den monotheistischen Religionen scheint es generell der Fall zu sein, dass Homosexualität entweder als ein Laster, eine Pathologie, oder eine Mischung dieser beiden angesehen wurde.

Und hier ist das Merkwürdige: so lange eine bestimmte religiöse Einigkeit bezüglich dieses Themas bestand, gab es das, was wir nun kulturabhängige Varianten des Prinzips „keine Fragen stellen, nichts zugeben“ nennen, durchbrochen von gelegentlichem Lynchmord und Verbrennen. Es fand keinerlei Lernen darüber statt, wie es tatsächlich in solchen Menschen und für sie aussah. Und ich sollte dazu sagen, dass, soweit mir bekannt ist, bis zum relativ neuen Ausbruch des Fundamentalismus sowohl in der christlichen als auch in der islamischen Welt, in der islamischen Welt in der Tat eine viel größere Toleranz gegenüber dieser Wirklichkeit herrschte, als in der christlichen. Als es allerdings einigen Menschen an manchen Orten möglich wurde, diesen Teil ihres Wesens nicht mehr zu verstecken, da sie nicht mehr fürchten mussten, ihr Leben oder ihren Lebensunterhalt zu verlieren, wurde es im modernen Westen möglich, die nicht-moralistische Frage danach zu stellen, was diese Menschen zu dem macht, was sie sind, welche Pathologien man ihnen möglicherweise zuschreiben kann, welche Gefahren sie unter Umständen für die allgemeine Bevölkerung darstellen, welche Formen der Verderbtheit sie gegebenenfalls charakterisieren und so weiter.

Mit anderen Worten, zumindest in diesem Fall wurde der wissenschaftliche Raum geradezu buchstäblich durch die Aussetzung des Lynchmobs geöffnet. Solange der Lynchmob überredet werden kann, nicht zu steinigen, so lange können wir damit anfangen zu erkennen, was tatsächlich im Leben der Menschen vor sich geht, die sich bislang fürchteten, offen zu leben, da sie sonst Opfer eines Ausbruchs religiöser Einigkeit werden könnten.

Was ich kurz aufzeigen möchte, ist, dass wir hier die Anfänge eines Verstehens darüber haben, wie Katholiken etwas lernen können, das aus den zentralen Ressourcen unseres Glaubens fließt. Das Kriterium, das wir für die Beziehung zwischen unserem Schöpfer und uns selbst haben, ist ein selbstgebendes Opfer-bis-zum-Tode, das den Platz des Todes für uns einnimmt, damit wir ihm nicht länger irgendeine Heiligkeit zusprechen, sondern selbst in der Lage sind, ihn so einzunehmen, dass er seine Toxizität verliert; und aufgrund dessen wir in der Lage sind, alle Arten von Allen gegen Einen zu hinterfragen, alle gegen einen offensichtlichen Sünder, und zu sagen: „Haltet ein! Kann es nicht sein, dass wir versuchen, das lebende Bild Gottes zu töten, anstatt einen korrumpierenden, aufwieglerischen Schurken?“

Damit ist die Sache natürlich keineswegs erledigt. Und das möchte ich hier ausdrücklich festhalten. Die Tatsache, dass jemand, oder eine Gruppe von Menschen zum Opfer der Gewalt des Pöbels wird oder werden kann, bedeutet ipso facto noch nicht, dass dieser Mensch bzw. diese Gruppe entweder unschuldig, nobel, vernünftig oder sonstiges ist. Es bedeutet, dass die Menschen, die glauben, dass sie auf irgendeine Weise Gott dadurch gefallen, dass sie solche Menschen töten, dem Götzendienst verfallen sind, und dass sie niemals etwas über sich selbst oder über andere Menschen lernen, solange dies ihre Lösung eines Problems in ihrer Gruppe ist.

Worüber ich hier spreche, ist die antropologische Bedingung für unsere Lernfähigkeit. Und ich möchte behaupten, dass es eine völlig vernünftige Weiterentwicklung des christlich-katholischen Selbstverständnisses ist zu sagen, dass Gottes Kriterium für Gott, das Leben und die Selbstaufgabe bis zum Tode Jesu, in seiner Wiederauferstehung als von Gott stammend enthüllt, in dieser Sphäre, sowie in allen anderen, als Bremse gegen unsere Unwilligkeit zu lernen fungiert, indem sie nahelegt, dass, wenn wir uns im Namen Gottes gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen zusammenschließen, die Chancen gut stehen, dass wir uns götzendienerisch verhalten, und dass wir erst dann in der Lage sind, uns selbst über die Zusammenhänge auf nicht-götzendienerische Weise Fragen zu stellen, wenn wir uns von derartigen falschen und leichten Formen der Einigkeit lösen.

Genau deshalb respektiere ich die religiösen Autoritäten meiner eigenen Kirche nicht, wenn sie der Frage aus dem Weg gehen, ob ihre eigene Charakterisierung schwuler und lesbischer Menschen als objektiv ungeordnet wahr ist, aber statt dessen eine religiöse Einigkeit mit anderen gleichgesinnten religiösen Anführern eingehen, die auf Kosten der Möglichkeit der Freiheit und des Gedeihens schwuler und lesbischer Menschen geht. Ich denke hier, und das ist nur ein Beispiel unter vielen, an die katholischen Bischöfe in Kalifornien, die erfolgreich mit religiösen Anführern der Mormonen gemeinsame Sache machten, wobei noch nicht einmal klar ist, dass wir das gleiche Verständnis über die Kriterien für Idolatrie haben, um schwule und lesbische Kalifornier um ihr Recht auf die staatliche Ehe zu bringen.

Oder auch denke ich an eine katholische Erzdiözese in den Vereinigten Staaten, die problemlos an ökumenischen Versammlungen zusammen mit anderen christlichen Konfessionen teilnahmen, die z. B. die wahre Gegenwart Jesu in der Eucharistie verneinen, dass Maria richtigerweise Muttergottes genannt wird, die Existenz der sakramentalen Priesterschaft und sonstige katholische Lehren erster Ordnung. Als jedoch die Metropolitan Community Church, die ein recht katholikenfreundliches Verständnis des Christentums und seiner liturgischen Formen hat, deren Mitglieder allerdings mehrheitlich schwul sind, zu dieser Gruppe zugelassen wurde, befahl der Erzbischof den Abbruch aller ökumenischen Verbindungen. Welchen Sinn hat es, dass der Vatikan den Katholiken erklärt, dass es verschiedene Ordnungen der Lehre gibt, mit jeweils unterschiedlicher Bedeutung für das Leben der Kirche, wenn die Unfähigkeit eines Erzbischofs ehrenhafte Meinungsverschiedenheiten über eine Lehre geringerer Ordnung auszuhalten so leicht die nachsichtige Fähigkeit übertrifft, ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zu Lehren viel höherer Ordnung in Kauf zu nehmen? Aber das sind rein christliche Problemthemen.

Meine erster Fragenkomplex an unsere muslimischen Schwestern und Brüder ist folgendermaßen: Angenommen, dass wir dieses Gespräch überhaupt führen können, gibt es Ihrem Verständnis nach ein Kriterium auf anthropologischer Ebene, mittels dessen Gott es uns ermöglicht, irgend etwas über Gott auszusagen? Wie vermeidet es dieses Kriterium, als Idolatrie angesehen zu werden? Auf welche Art erzeugt dieses Kriterium eine anthropologische Bedingung der Möglichkeit, irgend etwas Reales über die Welt in der wir leben zu lernen? Und wie könnte es dann auf die Möglichkeit angewendet werden, dass wir lernen, dass schwule und lesbische Menschen schlicht und einfach eine regelmäßig vorkommende, nicht pathologische Variante von Menschen sind, anstatt eine defekte Form einer vom Wesen her heterosexuellen Menschheit?

Bitte beachten Sie, dass es mir nicht um eine Antwort auf das Thema selber geht. Mir geht es um das Nachdenken über einen hypothetischen Rahmen, innerhalb dessen ein Gespräch über die Wahrheit des Themas von Ihnen als mit Ihrem Verständnis der Ihnen im Islam zugänglichen Ressourcen vereinbar ist, ja aus diesen hervorgeht. Und parallel dazu biete ich eine Skizze einer christlichen Antwort auf die gleiche Frage an.

Der zweite Teil des Arguments, das ich hier entwickeln möchte, ist das der Endphase, des Himmelsreichs: Was glauben wir ist es, wofür Gott möchte dass wir leben, aufbauen, wir alle zusammen, und wie tun wir das. Dass der Eine Gott wünscht, dass wir eins sind, so wie Gott eins ist, steht außer Frage. Aber die Form dieses Einsseins, und dessen Kriterium, sind sehr stark die Frage. Es besteht eine Welt des Unterschieds zwischen der Art von Einheit, die ein Produkt des gemeinsamen Hasses gegen einen „anderen“ ist, der ausgemerzt wird, und der Art der Einheit, die dadurch ermöglicht wird, dass sich jemand selbst herabsetzt, sich selbst als Friedensgabe anbietet, und dessen Geste dann von allen Anwesenden akzeptiert wird.

Ich frage dies deshalb, weil die Frage nach dem Himmelsreich und der Art der Einheit, die hier vorschwebt, prinzipiell mit der Frage der Schöpfung verknüpft ist, sowie mit der Frage des Lernens. Anders ausgedrückt, es besteht eine immanente Beziehung zwischen dem Projekt, dessen Symptome wir sind, der Schöpfung, und dem Projekt, an dem wir aktive Teilnehmer werden, nämlich dem Himmelsreich. Meine Frage lautet daher: Welche Form des Daseins öffnet sich hier vom einen zum anderen? Oder: Zu welcher Art von Transformation unserer selbst führt uns die Erkenntnis von Gottes Kriterium für unsere Idolatrie, und welche Art von Weg bzw. Richtung eröffnet Gottes Interpretation von Gottes Kriterium für uns?

Der Grund, weshalb dies für unseren vorliegenden hypothetischen Fall wichtig ist, ist folgender: Nur, weil etwas ist bedeutet das noch nicht automatisch, dass es gut ist. Die Tatsache, dass wir zur Zeit vom lynchen einer bestimmten Gruppe von Menschen absehen, weil diese unsere Idolatrie von Gottes Kriterium über Gottes Ausrichtung auf uns unterbrochen wurde, bedeutet noch nicht automatisch, dass die Mitglieder dieser Gruppe einfach gut und unschuldig sind. Es bedeutet, dass sie, bevor sie irgend etwas anderes sind, zunächst einmal so sind wie wir, und dass wir daher im Raum des unterbrochenen Lynchens beginnen können, etwas darüber zu lernen, wie wir und sie wirklich sind.

Ob allerdings etwas gut ist oder nicht, muss über einen Zeitraum hin anhand seiner Früchte erkannt werden. Das ist Teil dessen, was man unter der Schöpfung versteht: Was es ist, insoweit es Gott verherrlicht, zeugt von der Macht, deren Symptome es eines ist. Es ist gut möglich, auf Dinge zu zeigen und sie so zu sehen, als ob sie in der Regel nichts täten, nutzlos wären, eitel, keine Möglichkeit zum Gedeihen hätten. Unter gewissen Umständen können wir alle zerstörerische Sorten von Menschen erkennen, die zu nichts als Elend und Traurigkeit führen, und andere Sorten von Menschen, die etwas über sich selbst hinaus zu erleuchten scheinen, die einen Zweck haben, ein Ziel, ein „wofür“.

Und dies erscheint mir die zentrale Frage einer vom Glauben inspirierten Anthropologie des Lernens zum Thema Schwulsein zu sein: Können wir lernen, dass das „ist einfach so” ein Teil eines „wofür” ist, oder müssen wir sagen: „Naja, wir steinigen euch nicht zu Tode, obwohl wir aus unseren heiligen Schriften wissen, dass wir das tun sollten, auf der anderen Seite seid ihr aber auch kein vollwertiger Teil der Schöpfung, sondern nur eine Funktion der Nutzlosigkeit. Alles andere als ein heterosexuelles Beziehungsmuster ist Teil der Eitelkeit und verherrlicht Gott nicht.“

Wie könnte nun, rein hypothetisch, ein Katholik lernen, dass das „ist einfach so” des schwul bzw. lesbisch seins in der Tat objektiv Teil eines „wofür” ist? Und hier versuche ich natürlich eine katholische Version der vom Glauben inspirierten Anthropologie des Lernens zu umreißen. Ein Teil der Antwort liegt darin, sich im Raum des unterbrochenen Lynchens aufzuhalten. Unser Glaube besagt, dass Gottes Kriterium für Gott ein vergebendes menschliches Opfer ist, und daher dass die, die erkennen, dass Gott in unseren typischen Opfer-schaffenden Kreislauf als das vergebende Opfer eingreift, lernen, uns nicht davor zu fürchten, auch selbst diesen Platz einzunehmen. Das bedeutet dann, dass wir unsere Angst ablegen können, Unrecht zu haben, beschämt zu sein, zu verlieren. Und die Angst abzulegen im Unrecht zu sein und beschämt zu werden, ist ein unabdingbarer Teil jedes Lernens. Je sicherer man sich vor den Konsequenzen fühlt, einen Fehler zu machen, desto freier ist man, sich zu trauen zu Lernen, es richtig zu machen.

Gottes lebendes Kriterium für Gott, das menschliche Opfer Jesus von Nazareth, ist daher wesenhaft mit Gottes lebender Interpretation von Gottes Kriterium für Gott verbunden – der Kraft der Vergebung, die aus Jesus ausfließt und die die Schöpfung eröffnet. Mit anderen Worten, ein reguläres Begehrensmuster hat als Protagonisten das besagte Opfer und fließt hin zu jedem, der es annimmt. Dieses Begehrensmuster, das wir den Heiligen Geist nennen, lehrt uns, was Gottes Wille für uns ist und zeigt uns, was es bedeutet, wirklich Kinder Gottes zu sein.

Also, was hier behauptet wird, und ich bin der Meinung, dass Girards Gedanken es uns ermöglichen, auf diesem Gebiet mit der absolut notwendigen Bestimmtheit vorgehen zu können, ist: Wenn wir merken, dass unser auf Rivalität, Rache und Todesangst fußendes Begehrensmuster in uns aufgelöst wird, können wir im Laufe der Zeit und trotz vieler Fehler unterscheiden zwischen den Begehrensmustern, die Teile eines neuen Aufbaus, der „für etwas“ steht und der nicht götzendienerisch ist, und den Begehrensmustern, die Überbleibsel der Muster sind, von denen die Fähigkeit bereits im Voraus den Tod auf uns zu nehmen und ihn im Frieden innezuwohnen uns befreit hat. Gerade weil wir uns nicht rechtfertigen müssen, und nicht von uns erwartet wird, dass wir unschuldig sind, sondern nur reuig, können wir in uns selbst feststellen, dass wir auf die erhaltene Liebe und Vergebung mit Liebe antworten möchten.

Dies ist meine eigene Erfahrung, so wie es die Erfahrung vieler schwuler und lesbischer Menschen ist, die sich sogenannten Ex-Gay-Programmen unterzogen, nur um daraus so schwul wie vorher hervorzugehen. Im Laufe der Zeit wird es möglich festzustellen, welches die rivalisierenden, zwanghaften, selbstzerstörerischen Begehrensmuster sind, die in der Tat schwule und lesbische Menschen genau so beherrschen, wie alle anderen auch, und die schwule und lesbische Menschen genau so wie alle anderen auch auf der einen Seite bereuen müssen, während sie auf der anderen Seite feststellen müssen, was solide „gegebene“ sexuelle Orientierung ist, was ja erst die Voraussetzung für die Möglichkeit ist, als Mensch überhaupt lieben zu können, und deren Bereuen einem Schlag ins Gesicht des Schöpfers gleichkäme. Als Girard aufzeigte, dass der gleiche Mechanismus für alle Pathologien des Begehrens verantwortlich ist, und dass dieser sowohl vom Geschlecht des Subjekts als auch des Objekts des Begehrens mehr oder weniger unabhängig ist, war das für mich persönlich von enormer Bedeutung. Er deckte den Unsinn von Behauptungen wie der, dass Dostojewski an „latenter Homosexualität” litt auf, da, obwohl das Objekt seines sexuellen Begehrens eindeutig weiblich war, die bedeutenden und zwanghaften Treiber seiner Beziehungen männlich waren. Das erschien mir, so bald ich es las als absolut richtig, denn meine eigene Phase tiefster Eifersucht auf eine Frau, die den Mann geheiratet hatte, den ich liebte, war auch nicht von einer Spur von Erotik geprägt. Die Erfahrung machte mich nicht eine Sekunde lang zum latent Heterosexuellen!

Dies ist ein winziger Unterschied bezüglich des Begehrens. Es ist der Unterschied zwischen, auf der einen Seite, der Behauptung dass „alles menschliche Begehren vom Wesen her korrupt ist, und daher aus seinen Launen nichts darüber gesagt werden kann, wie Menschen wirklich sein sollten“, und auf der anderen Seite der Aussage: „Das menschliche Begehren ist ernsthaft korrupt. Als Menschen werden wir allerdings durch Gottes selbst-interpretatives Begehren, das Gott selbst ist, ins Leben gerufen, und können so in der Tat in uns Elemente entdecken, die vom Schöpfer stammen, und die noch lernen können, sich auf den Schöpfer auszurichten“. Zumindest im katholischen Rahmen einer vom Glauben inspirierten Anthropologie des Lernens ist es dieser Unterschied, der es möglich macht, dass Wissenschaft entsteht.

In diesem speziellen Bereich ermöglicht er uns die „ist einfach so” Frage etwas umfassender zu beantworten: wir sprechen hier nicht über etwas, was „einfach so ist“, sondern von etwas, was seinen Ursprung in einem „wozu“ hat, das bislang noch nicht anerkannt wurde bzw. nicht gedeihen durfte. Und dann ist die Frage: Dürfen wir es wagen, die Versuche des Gedeihens zu erlauben, um so herauszufinden, wie im Laufe der Zeit ein „wofür” aussehen könnte, wenn es denn sein dürfte?

Das Schöne an der kirchlichen Ehelehre ist, dass sie eindeutig eine sehr besondere und eng definierte, auf Dauer angelegte Form der sexuellen Liebe anbietet, die es ermöglicht, dass das Zeugen von Kindern nicht götzendienerisch ist, und der Zeichen sowohl eines „ist einfach so“ als auch eines „wofür” innewohnen können. Dabei ist festzuhalten, dass die Hauptbetonung der Lehre eher darauf liegt, dass die Partner einander in Liebe bis zum Tode gegeben sind, und nicht auf der Möglichkeit der Zeugung von Kindern. Es ist das in der Taufe begründete Ausleben der Liebe bis zum Tode, das die Ehe zum Sakrament macht. Jesus selbst weist darauf hin, dass eine zu starke Betonung auf die Fortpflanzung, wo doch Gott selbst endlos schöpferisch tätig ist, Idolatrie ist [2].

Und so lautet die Frage: Ist es denkbar, dass wir feststellen, dass Heterosexualität nicht die normative, sondern die mehrheitliche Form der Menschheit ausmacht, und dass wir außerdem entdecken, dass es Formen der Beziehung zwischen schwulen und lesbischen Menschen gibt, die ihr eigenes angemessenes „wofür“ haben? Anders ausgedrückt, gibt es bestimmte reguläre Arten des Gedeihens in diesem Bereich, die auf mehr als sich selbst weisen, die etwas über Gott weitertragen, aussagen, und auf ihn zeigen? Und was wären die Kriterien für ein derartiges Gedeihen?

Ich möchte dies hier nicht weiterverfolgen, da es mir hier nur darum ging, den zweiten Teil eines hypothetischen katholischen Rahmens für eine vom Glauben inspirierte Anthropologie des Lernens aufzubauen. Dafür reicht es nicht zu sagen, dass ein Lernprozess dann zu einer Wahrheit über das Menschsein führt, wenn er auf die Existenz einer Sache verweist, und diese aus rein empirischen Gründen für „in Ordnung” befindet. Das Element des „ist einfach so“ muss mit irgendeinem „wofür” verknüpft werden, wenn wir unserem Glauben an den Schöpfer treu bleiben wollen. Und ich habe hier damit begonnen, einige Dimensionen zu erfassen, wie diese Verknüpfung untersucht werden könnte. Wenn wir ihr nachgingen, gerieten wir in eine Situation, in der es Menschen, die diejenigen Texte der Bibel lesen, die derzeitig dazu verwendet werden, schwule und lesbische Menschen anzugreifen klar wird, dass das, was verurteilt wird, götzendienerische kultische Riten sind, die nicht mehr und nicht weniger mit der relativ stabilen Gruppe von Menschen zu tun haben, die wir schwul und lesbisch nennen, als mit irgendjemand anderem.

Meine Frage an unsere muslimischen Schwestern und Brüder ist nun diese: Was wäre der kritische, mit dem Islam übereinstimmende Prozess, der aus Ihren eigenen Ressourcen fließt, mit dessen Hilfe Sie die Verknüpfungen des „ist einfach so” und des „wofür“ der Schöpfung erforschen? Im, wie gesagt hypothetischen Fall, dass schwule und lesbische Menschen nicht Defekte einer vom Wesen her heterosexuellen Menschheit sind, wie könnte es für jeden intelligenten Muslim offensichtlich werden, dass solche Menschen nicht einfach aufgrund dessen, was sie sind, von den Regeln des Friedens und der Liebe ausgenommen werden sollten, Schlupflöcher, die alle unsere heiligen Schriften offenzulassen scheinen? Es sind diese Schlupflöcher, die die Erlaubnis geben zu töten.

Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich es durch die Wahl eines „ekligen” Themas erschwert habe, sich auf das zu konzentrieren, wovon ich hoffe, dass es eine wichtige Diskussion ist, ganz gleich, welchen Bereich des möglichen Lernens wir erforschen. Wie gesagt erwarte ich keine schnellen Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen. Mir ist sehr bewusst, dass die Reaktionen, denen einige von Ihnen ausgesetzt sein könnten, wenn Sie derartige Fragen selbst aufwerfen, viel mehr als „eklig“ sein können. Meine Bitte ist: Wenn wir ernsthafte Gespräche über das Zusammenspiel von Glauben und Vernunft in unserem Leben führen möchten, dann lassen Sie uns bitte nicht einfach in ritueller, selbstgefälliger Augenwischerei miteinander sprechen. Erlauben wir es uns doch bitte, uns von den schwierigen Themen fragen zu lassen, die es erfordern, dass wir eine vom Glauben inspirierte Anthropologie des Lernens aufbauen, die tatsächlich in unserem Leben besteht.

Ich begann meinen Vortrag mit einem Besuch eines heiligen Berges, dem Berg Zion, und ich hoffe, eines Tages wenn nicht ins irdische, so doch ins himmlische Jerusalem zurückzukehren. Wenn irgendjemand unter uns Christen, Muslimen, Juden, in der Lage ist, an einer Wallfahrt teilzunehmen, auf der schwule und lesbische Menschen ganz als wir selbst teilnehmen können, derselben Gnaden bedürftig, wie alle anderen Menschen, dann wird das nur deshalb geschehen, weil wir einen mühsamen Lernprozess auf uns genommen haben, in dessen Zuge wir von allen möglichen Idolatrien gereinigt wurden. Einen schmerzhaften und verwirrenden Prozess, denn unsere Herzen werden sich von etwas gelöst haben, dem sie nicht hätten verbunden sein sollen, um sich so auf etwas Unverderbliches auszurichten. Auf diesem Weg werden wir Dinge über das Menschsein gelernt haben, die keiner von uns vorher kannte, und was wir wissen, wird wahrhaftig sein. Unsere Einigkeit ist dann nicht länger dadurch inspiriert, dass wir strenge Hüter götzendienerischer Rechtschaffenheit sind. Unsere Bande sind dann die der gebrochenen Herzen.

London, Juli 2009
Translation by Erika Baker, words4you.co.uk

Endnoten

[1] Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen. zurück

[2] Mt 22: 23-33. zurück